|


|
|
[zurück zur Übersicht]
Volker Kaminski
Gesicht eines Mörders
Romanauszug
1
Fünf Monate Beirut waren genug. Steiner musste wieder nach Deutschland zurück, auch wenn es selbstmörderisch war. Das Mindeste war, dass er sich eine Tarnung zulegte. Gestutzter Vollbart. Schwarze Sonnenbrille. An Bord der Boeing versteckte er sich hinter seiner Zeitung, während sie übers Mittelmeer flogen.
In aller Eile hatte er in Beirut seine Sachen zusammengepackt und war direkt zum Flughafen gefahren. Der Wind auf der Gangway hatte die Jacken und Haare der Passagiere wild flattern lassen, als ob dies ein Moment größter Bedeutsamkeit wäre.
Regen und kühlere Luft empfingen ihn in Frankfurt. Die Leute schienen abgelenkt, keiner beachtete ihn. Bevor er ins Taxi stieg, musterte er sein Spiegelbild in einer Fensterscheibe - dunkler Anzug, helles Hemd, schräg sitzender Strohhut. Es kam ihm so vor, als hätte er immer gleich ausgesehen, mit siebzehn wie mit Anfang dreißig.
Zwei Stunden später stand er in der Frankfurter Altstadt in einem belebten Viertel und ließ eine Horde Schulkinder passieren. Die Wolkendecke war aufgerissen, immer wieder brach für Minuten die Sonne durch.
Nachdem er seine Sachen ins Hotel gebracht hatte, war er losgegangen, um etwas zu essen, stellte aber fest, dass er keinen Appetit hatte. In der Ferne war eine Polizeisirene zu hören. Klingen ganz anders hier, die Sirenen, dachte er, nicht so schrill und aufgeregt. Fast wie Spielzeugautos. Als ob mit dem melodischen TA-TÜ-TA-TA von etwas abgelenkt werden sollte.
Fürs erste hatte sein Plan funktioniert. Möglicherweise hatte er sich alles viel zu schwierig vorgestellt. Er war wieder zu Hause, spürte Frankfurter Pflaster unter den Füßen. War frei wie jeder X-beliebige.
Ein paar Ecken weiter war das Büro. Pontens Büro. Vielleicht würde ihn sein früherer Arbeitgeber noch einmal anstellen, wenigstens für die erste Zeit. Bis der Albtraum ausgestanden war.
Er überquerte eine größere Kreuzung und bog in eine Seitenstraße ein. Schon von weitem fiel ihm das gelb gestrichene Haus ins Auge. Die obersten Stockwerke waren von hellem Sonnenlicht beschienen. Miras Dachwohnung musste jetzt von Licht durchflutet sein. Er hatte nicht den Mut direkt darauf zuzusteuern und ging auf seiner Straßenseite weiter, bis die großen Scheiben eines Cafés seinen Blick ablenkten. Nachdem er sich kurz vergewissert hatte, dass ihm niemand gefolgt war, ging er hinein.
Das Café war jetzt am frühen Nachmittag fast leer. An der Bar saß ein grauhaariger Mann bei seinem Bier und spielte mit dem Handy. Zwei Frauen in niedrigen bequemen Sesseln unterhielten sich angeregt in einer Nische neben der Tür. Sie hoben den Blick bei Steiners Eintreten, und wie erwartet ruhten ihre Augen eine Weile auf ihm. Vielleicht wunderten sie sich auch nur über seinen Hut. Steiner stellte sich an die Bar, mit dem Rücken zur Theke, und sah auf die Straße.
Sein Herz pochte wild, als er die gelbe Fassade vor sich sah. Er fürchtete, Fritz' erstarrtes, schreckensbleiches Gesicht würde ihn nie wieder loslassen.
In der fremden Welt Beiruts waren die Erinnerungen schwächer geworden, bis ihm die ganze Sache fast irreal erschienen war.
Abdul in Beirut war ihm als erstes eingefallen, als er damals panikartig das Haus verlassen hatte. Der reiche diskrete Abdul würde keine lästigen Fragen stellen, wenn Steiner plötzlich mit dem Koffer vor seiner Tür stand. Sie kannten sich aus Steiners Zeit bei Ponten. Später hatten sie sich in Amerika wieder getroffen. Steiner hatte ihm ein paar Mal wertvolle Tipps gegeben, die verhinderten, dass Abdul sein Geld in verlustreiche Spekulationen steckte. Dafür war ihm Abdul noch immer dankbar.
Die Zeit in Beirut war ihm quälend langsam verstrichen. Die Stadt war zu heiß, die vielen weißen Hausfassaden blendeten ihn. Nicht einmal in einer schattigen Teestube fühlte er sich besser.
Abdul versorgte ihn mit Geld und gewöhnte sich so sehr an den jungen Gast, dass er ihn seinen Freunden und Familienmitgliedern vorstellte. Durchweg gebildete, gut situierte Leute. Ärzte, Rechtsanwälte, Immobilienhändler. Steiner gab sich charmant und steuerte mehr oder weniger geistreiche Bemerkungen bei. Keiner wagte in dieser Zeit ihn zu fragen, was er eigentlich in Beirut trieb. Manchmal begleitete er Abdul ins Büro, wo er ihm beim Übersetzen half.
So verging der Sommer, bis ihm klar wurde, dass er zurückkehren musste. Es musste alles wieder so werden wie früher. Abdul hatte es ihm prophezeit: Du wirst wieder nach Deutschland gehen, wenn die Zeit reif ist dafür.
Jetzt brauchte Steiner Geld, er musste sich eine Arbeit suchen, und er wusste nicht, ob er in Frankfurt sicher war. Viel hing davon ab, was Mira ihm erzählen würde.
Während er die kleine dicke Espressotasse zwischen Daumen und Zeigefinger hielt und den stark duftenden Kaffee schlürfte, stiegen Erinnerungen in ihm hoch. Miras Dachwohnung hatte immer ein Kaffeeduft durchzogen. Die Wohnung strahlte etwas Pariserisches aus mit der quer durchs Zimmer gespannten Wäscheleine, dem Vogelkäfig mit grünem Wellensittich am Küchenfenster, den orientalisch gemusterten Kissen auf dem Bett. Ausgelassen und meist barfüßig durchtanzte sie ihr kleines Reich. Über seine Gefühle zu ihr war Steiner sich nicht im Klaren, damals so wenig wie heute. Er hatte sich einfach nur wohlgefühlt in ihrer Wohnung, die ihm wie ein warmes Nest vorkam. Ihm gefiel das ganze Haus mit seinem bohemeartigen Verfallscharme, den bunten Briefkästen. Es wohnten überwiegend Studenten und Freiberufler dort - mit Ausnahme von Fritz.
Fritz verbrachte sein einsames Leben damit, Hunderte von Modellschiffen zu bauen. Auf dem Weg zu Miras Wohnung war Steiner ihm oft begegnet. Mit seinen schwulstigen Lippen, seinem hilflosen Lächeln hielt ihn Fritz im Hausflur auf und begann von seinen Modellbauschiffen zu erzählen; Steiner musste ihm in die Wohnung folgen und ihm dabei assistieren, ein Holzruder anzukleben oder ein Papiersegel aufzusetzen. Fritz konnte nicht aufhören, die Schiffe bis ins Detail zu erklären. Länge, Breite, Höhe, Baujahr der Originalschiffe. Du bist ja ganz schön durchgeknallt, hatte Steiner manchmal zu ihm gesagt und war dann einfach zu Mira hochgegangen.
Es war ihm damals selbst verrückt vorgekommen, dass er sich darauf einließ, bei Fritz einzuziehen. Ich brauche doch keine drei Zimmer für mich, hatte Fritz gesagt. Was musst du im Hotel wohnen? Ist doch viel zu teuer. Tatsächlich war Steiner damals knapp bei Kasse nach seiner Rückkehr aus Amerika. Und es sollte ja nur für ganz kurze Zeit sein, bis das Geld aus einer geschäftlichen Transaktion angewiesen war.
Steiner bekam das größte Zimmer in Fritz' Wohnung. Nach seinem Einzug versuchten sie in einer gemeinsamen Aktion etwas Ordnung in das Chaos zu bringen. In der ganzen Wohnung lagen Modellbaukästen verstreut, flüchtig aufgerissene Kartons, Plastiksäckchen mit Einzelteilen. Daneben Kleider, schmutzige Wäsche, Gummistiefel. Die Küche stank nach Essensresten und gebrauchtem Geschirr. Fritz gab sich Mühe, das merkte Steiner. Aber er war nicht lange zu ertragen. Steiner mied seine Wohnung, so oft es ging.
Warum er ihm plötzlich mehr als sonst auf die Nerven gegangen war, konnte er nicht sagen. Er erinnerte sich nur daran, wie sie eines Abends im Wohnzimmer standen und sich plötzlich seine Wahrnehmung verengt hatte. Er sah nur noch diese fleischigen feuchten Lippen, die sich pausenlos öffneten und schlossen. Ein Rhythmus, der nur unterbrochen wurde vom Saugen am Hals der Bierflasche. Er hätte sich umdrehen und weggehen können; lass ihn reden, hätte er sich sagen können, was interessiert dich der Typ? Aber da war es schon zu spät.
Er hatte Fritz angeschaut, ihn fixiert, bis dieser endlich schwieg und die Flasche an den Mund setzte, um zu trinken. Als der Flaschenhals seine Lippen berührte, packte Steiner die Flasche und rammte sie Fritz in den Mund. Was danach kam, davon wusste er nur noch Bruchstücke. Fritz taumelte rückwärts, stieß mit der Hüfte an die Tischkante. Der Schiffskörper schaukelte und einzelne Bauteile fielen herunter. Fritz lag am Boden und röchelte. Steiner konnte es nicht ertragen, dieses Gurgeln und Ächzen. Die Flasche war zerbrochen. Er sah das runde teigige Gesicht, die Augen hervorgequollen, die schweißnassen Haare angeklebt. Ihm wurde übel, und er riss sich los. Stehend blickte er auf den reglosen Körper hinunter.
Irgendwann stand er in seinem Zimmer und raffte wahllos einige Kleidungsstücke zusammen, ein T-Shirt, ein Sakko, das über der Lehne hing, ein Paar Socken. Er stand mit dem Kleiderknäuel minutenlang da, seine Hände heiß und verkrampft. Nur mit allergrößter Anstrengung gelang es ihm schließlich, die Schranktür zu öffnen und den Koffer herauszunehmen.
Sein Abschied von Mira vollzog sich in drei Sekunden.
Er stand mit dem Koffer in der Hand vor ihrer Tür. Ich muss weg. Fritz ist tot. Pass gut auf dich auf. Er umarmte sie kurz und eilte die Treppen hinunter, ehe sie etwas sagen konnte.
Nach dem dritten Espresso beschloss Steiner zu zahlen und hinüberzugehen.
Das alte Haus mit den lustigen Sprossenfenstern und dem braunen Giebeldach, eingezwängt zwischen zwei graue unscheinbare Nachkriegsbauten. Er brauchte nicht lange zu warten, bis ein junger Mann die Tür von innen öffnete und herauskam. Steiner drückte sich an ihm vorbei und gelangte in den Hausflur.
Langsam stieg er die Treppen hoch; so schwer hatte er sich noch nie gefühlt, als ob Gewichte an seinen Füßen hingen.
Auf dem Stockwerk, in dem Fritz gewohnt hatte, blickte er flüchtig auf das Klingelschild. Es stand ein neuer Name darauf.
Ganz oben stand immer noch "Mira Weller" auf einem lila Pappschild.
Du? Hier…?
Mira trug eine cremefarbene Hemdbluse, die ihr bis knapp übers Knie reichte. Darunter waren ihre bloßen Beine zu sehen.
Ich muss mit dir reden. Etwas Besseres fiel ihm nicht ein. Sie streckte den Kopf in den Gang hinaus und blickte nach links und rechts. Er war schon in der Wohnung, durchquerte das Arbeitszimmer und schaute durch das geöffnete Fenster auf die gegenüberliegende Dachseite. Von unten waren Stimmen zu hören, die sehr nah klangen, obwohl man vom Dachfenster aus nicht auf die Straße sehen konnte.
Mira stand vor ihm, die Hände in den Hüften, den Kopf zur Seite geneigt.
Wie siehst du aus? Mit Bart…?
Ihre langen schwarzen Haare waren wie damals zurückgebunden und lässig durch ein Samthaarband gezogen, die Spitzen wippten in alle Richtungen.
Sind sie hinter dir her?
Weiß ich nicht. Kommt darauf an, was du der Polizei erzählt hast.
Nicht viel. Ich habe ihnen gesagt, dass ich nur deinen Vornamen kenne.
Lächelnd ließ er sich in den Sessel neben dem Klavier fallen. Mira ging Zigarette rauchend im Zimmer auf und ab. Auch er zündete sich eine an. Sie bot ihm nichts zu trinken an, aber es machte ihm nichts aus, dass sie ihn nicht einlud länger zu bleiben.
Hör zu, ich wollte Fritz nicht töten. Das musst du mir glauben.
Seid ihr in Streit geraten?
Nein, es war eine Verkettung unglücklicher Umstände. Er ist mir auf den Wecker gegangen. Andauernd hat er geredet, wollte einfach nicht aufhören. Auch nach dir hat er mich tausend Mal gefragt.
Nach mir? Sie blieb neben einem wackligen Bücherturm stehen, der einen halben Meter von der Wand entfernt aufgebaut war. Was wollte er denn von mir wissen? Sie machte ein Gesicht, als ob sie nie von selbst darauf gekommen wäre.
Alles Mögliche. Ob wir zusammen wären, zum Beispiel. Er hat mich ständig über dich ausgefragt, als ob er auf dich scharf wäre.
Also warst du wütend.
Naja, ein bisschen vielleicht. Auf Fritz konnte niemand richtig wütend sein, der war doch wie ein Kind. An diesem Abend war er allerdings ziemlich betrunken und wurde immer aufdringlicher.
Und dann? Sie schaute ihn mit großen Augen an. Wenn sie so aussah, kam ihm ihr Gesicht wie eine schöne Maske vor. Hohe Wangenknochen. Heller Teint. Scharf geschnittene Augenbrauen. Sag schon, was ist passiert?
Steiner zuckte mit den Schultern.
Er hat einfach nicht aufgehört zu quatschen mit seinen Schwulstlippen, seinem Nuckeln an der Bierflasche. Da hab' ich die Nerven verloren. Mir ist die Sicherung durchgebrannt.
Die Polizei sagt, er wurde erwürgt.
Ich hab ihm seine verdammte Flasche in den Hals gerammt!
Du hast was? -
Er hat getrunken, gequatscht, getrunken - es war wie ein Reflex. Zack! hatte er die Flasche in der Kehle.
Hast du ihn erwürgt?
Ich… vielleicht waren meine Hände an seinem Hals. Ich weiß nicht, ob ich zugedrückt habe. Jedenfalls war Fritz auf einmal still.
Mira ging zum Tisch und drückte ihre Zigarette im Aschenbecher aus. Sie sah ihn eine Weile schweigend an.
Die Polizei hat alle Hausbewohner befragt. Es hat angeblich keiner etwas bemerkt. Von dir haben sie nur eine vage Beschreibung bekommen. Das Phantombild sieht dir nicht wirklich ähnlich.
Das Telefon klingelte. Mira nahm den Hörer ab und telefonierte eine Weile. Dann sagte sie ihm, er müsse jetzt gehen, sie bekomme gleich Besuch.
Als sie ihn zur Tür brachte, lästerte sie wieder über sein Aussehen.
Du siehst echt komisch aus, mit Bart und Hut. So alt!
War schön, dich zu sehen, sagte er.
Er stand in der offenen Wohnungstür, die Anzugjacke über dem Arm, deutete er eine leichte Verbeugung an. Jedenfalls, danke. Er wollte noch etwas sagen, aber er hörte, dass jemand die Treppe hochkam, und ging los.
Auf dem zweiten Treppenabsatz blieb er stehen. Er hörte an den Schritten, dass es eine Frau war, die sich näherte. Auf einmal durchströmte ihn ein unerklärliches Glücksgefühl. War die Frau aus Fritz' ehemaliger Wohnung gekommen? Er sah eine schwarze Strickjacke zwischen den Streben des gedrechselten Holzgeländers und schulterlanges schwarzes Haar. Gleichzeitig stieg ihm zarter Parfümduft in die Nase.
Er merkte erst jetzt, wie stickig es im Hausgang war. Diese eigenartig schwere Luft kannte er von früher. Eine permanente Feuchtigkeit, die alle Gerüche im Hausgang übertünchte. So, genauso, kannte er diesen Aufgang. Ein dunkler steinerner, kalkig riechender Turm. Der Duft, der von der Frau ausging, war unter dieser Feuchtigkeit kaum wahrzunehmen. Während sich die Frau näherte und er schon ihr Gesicht sehen konnte, sah er plötzlich ein Bild vor sich: Er sah die Frau, wie sie von irgendeiner Tätigkeit aufstand, um zu Mira zu gehen, und der Geruch, den sie schon den ganzen Tag an sich trug, begleitete sie die Treppen hoch. Er schaute ihr neugierig entgegen, fing einen selbstbewussten, schnellen Blick auf und stellte fest, dass sie nicht nur sehr leichtfüßig ging, sondern auch außerordentlich hübsch war.
An einem Kiosk in der Nähe kaufte sich Steiner eine Zeitung. Er schlenderte durch die Straßen, bis er die Fußgängerzone erreichte. An einem Eckcafé, vor dessen Eingang Holztische und Bänke standen, blieb er stehen und sah eine Weile auf die Tische, als würden sie ihm etwas sagen. Es war zu kühl, um draußen zu sitzen, trotzdem beschloss er hier einen Kaffee zu trinken. Einen Teil der Zeitung benutzte er als Sitzunterlage. Es waren kaum fünfzehn Grad. Der Himmel war wieder bleigrau. Aber es war windstill, und im Sakko war es auszuhalten.
Aus einem parkenden Wagen am Straßenrand schaute eine junge Frau zu ihm heraus. Sie trug eine Hochsteckfrisur und eine Sonnenbrille. Sollte er sie ansprechen, einfach so? Er war frei. Er konnte zu ihr rübergehen und sie in ein Gespräch verwickeln. Sie erinnerte ihn an eine frühere Kollegin, die auch bei Ponten gearbeitete hatte. Als er sich fast dazu entschlossen hatte aufzustehen, lächelte sie plötzlich jemandem zu. Ein Mann kam aus einem Hauseingang und stieg zu ihr ins Auto.
Steiner durchblätterte den Anzeigenteil. Las ein Stück, blätterte wieder. Er konnte sich nicht konzentrieren, immer wieder schweiften die Gedanken ab. War er nach Fritz' Tod allzu panisch gewesen? Wenn die Polizei ihn nicht suchte und keinen konkreten Hinweis besaß, dann war das letzte halbe Jahr glatt verschenkt.
Kein Mensch konnte sich vorstellen, wie sehr Steiner Frankfurt vermisst hatte. Wie er es genoss, die Schilder und Werbeplakate der Geschäfte zu lesen. Die Kunden vor den Kaufhäusern zu betrachten, ihre Jacken und Anzüge zu bestaunen und sich zu erinnern, dass er früher - vor seinem Amerikaaufenthalt - geglaubt hatte, die Deutschen verstünden sich nicht zu kleiden.
Von den letzten sieben Jahren hatte er vier im Ausland verbracht - zwei davon in Los Angeles, wo er wegen der Nähe zu Hollywood bei einem Immobilienmakler gejobbt hatte. Der Mann hatte ihn eingeladen an die Westküste zu kommen; er wollte ihn mit wichtigen Leuten aus der Filmbranche zusammenbringen. Du hast das richtige Gesicht, ehrlich, du siehst besser aus als Helmut Berger! Steiner hatte ihm von seinem lang gehegten Traum Schauspieler zu werden erzählt. Von den Werbefilmen fürs Fernsehen und einer ambitionierten Fotostrecke für ein edles Herrenmagazin. Das Angebot des einflussreichen, irischstämmigen Hurst war ihm daher sehr verlockend vorgekommen und so hatte er bei Ponten gekündigt. In Hollywood hatte es dann eine Enttäuschung gegeben. Nur ein einziger Kontakt und ein zehnminütiges Gespräch mit einem Studioproduzenten, dem sein forsches Auftreten gefiel. Es war nichts daraus geworden. Hurst hatte ihn als Mädchen für alles missbraucht und so war er mit dreiunddreißig desillusioniert nach Frankfurt zurückgekehrt.
Copyright Volker Kaminski 2009
[zurück zur Übersicht]
|