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Volker Kaminski
Wie bei Tatort
Stein blickt seinem Chef ins Gesicht.
Der steht da, die rechte Hand auf den Schreibtisch gestützt, den Kopf weit vorgebeugt. Er hat den Blick direkt auf Stein gerichtet, müde sieht er ihn an, als hätte er nicht viel Hoffnung für ihn.
Wenn Wintermann redet, klingt es wie ein Automat, findet Stein. Er zerhackt Wörter, betont die falschen Silben, legt Pausen an unpassenden Stellen ein und wird plötzlich so laut, dass alle im Büro seine Stimme hören.
Wintermann ist verärgert, und dann kann er sich nicht bremsen. Er ist mit Steins Leistungen unzufrieden, seine Abschlüsse sind ungenügend, er erwartet deutlich höhere Quoten. Was macht Stein eigentlich den ganzen Tag? Stein fällt immer erst hinterher ein, was er dem Chef antworten könnte. Endlich ist Wintermann fertig und geht mit beleidigt wirkenden Bewegungen weg.
Stein versucht weiterzuarbeiten, aber er merkt, dass sich sein Magen verkrampft. Es sind Schmerzen, die er kaum verbergen kann.
Letzte Woche hatte er einen Zusammenbruch in der Kantine. Er balancierte gerade einen Teller Erbsensuppe auf seinem Tablett, als ihm plötzlich schwarz vor Augen wurde. Trotz dieses Alarmsignals ließ er sich nicht krankschreiben.
Er zieht die oberste Schublade auf und beginnt darin zu kramen. Dann schiebt er sich zwei Filmtabletten in den Mund. Das Unangenehme ist, dass er sich dabei so alt vorkommt; Tabletten schlucken bedeutet Schwäche. Wintermann ist schuld, dass Stein Pillen nehmen muss. Er wird sich nie daran gewöhnen können. Das weiß er.
Wintermann bleibt in den nächsten Stunden unsichtbar. Während Stein mit Kunden telefoniert, sich über die Tastatur beugt, seitenlange Verträge studiert, sieht er zwischendurch immer wieder auf die Tür mit dem blaugelbroten Pferdeaquarell. Er müsste zu Wintermann gehen und ihm die Meinung sagen. Er stellt sich vor, wie er die Tür aufmacht und an seinen klobigen Schreibtisch tritt. Aber dann wäre er auf Wintermanns Terrain und es würde ihm bestimmt wieder nichts einfallen, wenn die Automatenstimme losgeht.
Der Bürotag verstreicht; Steins Bauchschmerzen bessern sich. Kein ungewöhnlicher Tag; kein Tag, der den Eintrag ins Große Buch verdient hätte.
Wintermann kommt erst um vier aus seinem Zimmer, den Mantel über dem Arm, die Lederaktentasche unter die Achsel geklemmt. Mit harten Schritten, stur wie eine Walze, durchquert er das Großraumbüro. Er ist fast schon an Steins Tisch vorbei, als er kurz abbremst und den Kopf dreht. Das von Erschöpfung gezeichnete Gesicht, der vorwurfsvolle Blick, die kurzatmige, von Unersättlichkeit getriebene Gestalt, die sich über ihn beugt, lassen Stein instinktiv zurückfahren. Er würde sich am liebsten wegdrehen.
Wintermann stützt die Faust auf den Tisch auf; ein erregtes Zittern lässt seine Mundwinkel erbeben. Während er auf Stein einredet, macht sich die Aktentasche unter seiner Achsel selbständig, was ihn nicht stört. Lauter als am Vormittag dringt seine Stimme durchs Büro. Er hat eine zweisilbige Zahl im Mund, bei der er sich mit gedehnter Aussprache länger aufhält. Es ist, als würde er Stein diese Zahl wie einen Strick um den Hals legen und fest zurren. Die Aktentasche fällt mit einem dumpfen Schlag zu Boden. Stein verpasst wieder den Zeitpunkt etwas zu sagen. Der Chef bückt sich, nimmt die Tasche und geht mit wütendem Gesicht aus dem Büro. Stein reckt das Kinn, beißt die Zähne zusammen, dann sinkt sein Blick auf den mit vielen Blättern übersäten Schreibtisch.
Es ist schwül in der Wohnung. Stein liegt, nur mit Shorts bekleidet, auf dem Bett und starrt zur Decke. Er hat den unwiderstehlichen Drang über seinen Ärger zu sprechen, doch bedauerlicherweise ist Inge beim Yogakurs. Er steht auf und geht in die Küche, die vom roten Licht der Abendsonne erfüllt ist. Er öffnet den Kühlschrank und nimmt ein Bier heraus. Die Küche sieht aus wie neu; die Arbeitsflächen blitzen; Bratpfannen und Töpfe hängen in geordneten Reihen über der Spüle. Es ist eine geräumige, modern eingerichtete Küche, in deren Mitte ein runder Tisch mit schwarzer Holzplatte steht.
Stein gefällt der Anblick, er lehnt an der Wand und trinkt das erste Bier gemütlich aus; vor der nächsten Flasche muss er sich fragen, was aus diesem Abend werden soll. Wäre Inge da, würden sie Abendessen kochen oder in irgendein Restaurant gehen. Stein hat keinen Appetit und mag sich nichts kochen; wenn Inge ihren Entspannungsabend hat, geht er meistens früh schlafen; oder er unternimmt etwas und trifft sich mit Freunden. Sogar ins Kino geht er dann und wann und isst dort eine große Portion Popcorn. Aber auf Kino hat er heute keine Lust. Er legt sich aufs Bett und trinkt noch ein Bier.
Um zehn Uhr telefoniert er mit einem Freund, der zusammen mit Bekannten auf einer großen Gartenparty ist. Er beschließt hinzufahren.
Auf der Party sind über hundert Gäste; sie verteilen sich auf einem hübsch bepflanzten, terrassenförmig angelegten Wassergrundstück, das einem Star-Architekten gehört. Die Stimmung ist ausgelassen; Stein redet mit einem befreundeten Pärchen, das schon ein wenig betrunken ist. Um halb zwölf verlässt Stein unauffällig die Party, steigt in den Wagen und fährt los.
Er fährt schnell; die Geschwindigkeit erfrischt ihn, von Minute zu Minute fühlt er sich grandioser. Er schaut geradeaus mit durchdringendem Blick, einer Starre, die seine dunklen Augen manchmal annehmen. Auch Wintermann hat diesen starren Blick schon zu spüren bekommen; er war irritiert und knurrte, Stein solle gefälligst woanders hinschauen.
Stein stellt den Motor ab. Er hat den Wagen in einer stillen Straße geparkt. Unter Lindenbäumen, die den Gehweg säumen, sieht er die Fensterfront des „Caruso“.
Das Restaurant ist nur dreißig Meter entfernt. Eine rote Markise mit Bierwerbung prangt über den Fensterscheiben; in den jungen Bäumen davor hängt eine Lichterkette aus Plastik. Ein Ort zum Gruseln, findet Stein.
Und doch hat er auch schon einmal hier gegessen. Auf Einladung des Chefs, der ihnen das „Caruso“ als Geheimtipp vorstellte. Es war ein bedrückender Abend; keiner der Angestellten ist dem Chef je wieder dorthin gefolgt. An jenem Abend kam Stein früh nach Hause und wartete dann auf Inge. Mittwoch ist Yoga-Abend. Und mittwochs speist der Chef gern im „Caruso“.
Stein führt eine Strichliste im Kopf; jedes Mal, wenn fünf neue Angriffe des Chefs erfolgt sind, streicht er sie mit einer waagerechten Linie durch. So machen es Gefangene, Kerkerhäftlinge, die auf den Tag ihrer Freiheit warten. Aber seit neuestem hat Stein sich das abgewöhnt. Jetzt spricht in seinem Kopf immer öfter eine überaus klare, sogar schöne Stimme. Er hört sie manchmal im Traum. Sie fordert ihn auf, er selbst zu sein. Stein weiß, dass er nur frei sein kann, wenn er dieser Stimme folgt.
Ein paar Gäste verlassen das Lokal. Es ist allgemeine Aufbruchszeit. Eine Frau schwenkt einen kleinen Fächer vor dem Gesicht; als sie durch die Glastür kommt, stolpert sie auf den Stufen und wird im letzten Moment von einem ihrer Begleiter gehalten. Stein hört, wie ihr erschreckter Aufschrei in ein nervöses Kichern und manieriertes Glucksen übergeht. Die Stimmen der Männer lassen sich grell auflachend vernehmen. Ja, man hat wieder gut gegessen im „Caruso“, und vor allem gut getrunken.
Stein steigt aus, lässt die Wagentür angelehnt. Er hat das deutliche Gefühl, das dichte Laub der Bäume über ihm sehne sein Kommen herbei. Er fühlt sich wie ein Riese, empfindet einen unglaublichen Schub; es ist ein Punkt definitiver Klarheit erreicht.
Die Glasfront des „Caruso“ liegt vor ihm.
Er nähert sich der Tür mit den zwei Stufen, den Stolperfallen für schwermütige, gut gesättigte Gäste. Die Tür wird wieder geöffnet. Tatsächlich - Wintermann streckt sein Gesicht in die Luft und blinzelt einen Augenblick auf die dunkle Straße. Er bemerkt Stein nicht, der zur Seite getreten ist. Durch die offene Tür dringt Schlagermusik. „Bella, bella, bella Marie, bleib’ mir treu, ich komm’ zurück…“ Die Tür schließt sich.
Wintermann beansprucht den ganzen Gehweg für sich, streckt die Arme aus und zieht die Nachtluft tief ein. Einen Augenblick tut ihm der Chef leid. Es ist ihm anzusehen, dass er sich im „Caruso“ gut erholt hat, aber Stein erkennt auch die große Müdigkeit, die sich bleiern auf ihn legt. Im Innern des Lokals sieht Stein eine Frau - vielleicht Frau Wintermann -, die sich der Tür nähert. Sie bleibt stehen, spricht mit dem Kellner, der ihr in den Mantel hilft. Sie sieht nicht, was draußen vor sich geht, ihre Augen sind vom Glanz der Kerzen geblendet, die aus allen Winkeln des Lokals ihr Licht verströmen.
Stein steht direkt hinter Wintermann. Handle schnell. Achte darauf, dass du bei deiner Aktion immer die Initiative behältst. In den ersten fünf Sekunden entscheidet sich alles. Irgendjemand spricht so zu ihm.
Er berührt Wintermann an der Schulter und im selben Moment hat er einen Arm um ihn gelegt. Er hat richtig gerechnet, Wintermann braucht einen Moment, ehe er begreift, was vor sich geht. Als er Stein erkennt, erschrickt er nicht, doch die plötzliche Nähe seines Angestellten scheint ihm unangenehm.
Was ist… was soll …?
Der Schwung, den Stein mitbringt, fährt ihm in die Glieder, er muss es geschehen lassen, dass Stein ihn ohne zu zögern ein Stück wegführt.
Jetzt lassen Sie mich doch los! Wintermann protestiert erstaunlich freundlich.
Stein könnte jubeln, er hat den Chef, er zieht ihn in die angrenzende finstere Seitenstraße. Der Chef ist etwas kleiner als er, schnauft angestrengt, weil er plötzlich so schnell gehen muss. Direkt neben Stein sind die pomadig duftenden Haare. Der Chef riecht nach Rotwein, rülpst und verströmt einen bitteren Speisegeruch. Stein wittert auch ein After Shave auf der Haut und seinem Mantelkragen entsteigt ein leichter Waschmittelgeruch.
Halt, einen Moment, einen Augenblick… Wintermann ist nervös; er darf nicht zu laut sprechen, das verbietet ihm Stein mit wütendem Griff. Wintermann sieht Steins kalte Augen. Es ist, als würde Stein ihn gar nicht sehen, seine Augen haben diese beängstigende Starre angenommen.
Meine Frau …, fängt Wintermann an, als sie in kurzem Abstand voreinander stehen. Das sind nicht die Worte, die Stein hören will, er mag auch den Tonfall nicht. Er schlägt Wintermann ins Gesicht.
Ihre Augen treffen sich. Stein drückt ihn gegen eine Hauswand, wenige Schritte vom Lokal entfernt, beide Hände an seinem Hals. Sie drängen sich neben einer Toreinfahrt, im schwarzen Kernschatten einer Nische, die wie geschaffen scheint für den Körper des fülligen Mannes. Schwaches Licht kommt aus einem Fenster ein paar Stockwerke über ihnen. Überall hohes Gebüsch, dichte Deckung, wucherndes Unkraut.
Was wollen Sie?
Still, Chef!
Er hält ihn am Kragen.
Sie sind ja betrunken, Stein.
Pst!
Stein schließt einen Moment die Augen. Er ist in einer unglaublichen Verfassung, kann viel schärfer sehen als sonst; goldgelbes Licht strömt auf ihn ein, die weichen Strahlen wärmen sein Gesicht. Auf die Kraft deiner Hände kommt es an, den Griff deiner schnellen Finger, die viel schneller sind als der andere weiß. Überwinde diesen Unmenschen, presse ihn an die Wand, schnüre dem Sklaventreiber die Kehle zu.
Wintermanns Panik entlädt sich in einer Sekunde. Er schlägt um sich, versucht zu schreien; ein verquältes Ächzen, eine Kette wild fauchender Geräusche. Ein hektisches Wischen, Stauchen und Strampeln.
Stein festigt sich. Wird hart und immer härter. Er steht da wie eine Säule. Es gibt kein Zurück mehr; er ist an einem Wendepunkt angelangt; ein Schritt in wildeste Bezirke hinein.
Wintermanns Stimme lässt sich plötzlich wie neu durch die nächtliche Straße vernehmen. Nicht stockend, umständlich und zäh wie im Büro, doch ihr Klang ist der gleiche wie jeden Tag. Er liegt unter Stein am Boden; mit den Armen den Angreifer von sich wegstemmend, schreit er um Hilfe. Im selben Moment lässt Stein von ihm ab, gibt die Absicht auf, die erst in den letzten Minuten von ihm Besitz ergriffen hatte; er reißt noch einmal an seinen feuchten Haaren und schaut ihm mit drohender Miene ins Gesicht; eine Genugtuung ihn wenigstens einen Augenblick lang zum Schweigen zu bringen. Dann wischt er sich das Sakko ab und macht sich auf den Weg zu seinem Wagen. Auf der Fahrt blickt er wieder geradeaus mit halb zusammengekniffenen Augen, als würde ein Gedanke in ihm weiterarbeiten. Etwas nagt an ihm und erlaubt ihm nicht eine Befriedigung über das Getane mitzunehmen. Er rast in die Nacht hinaus, legt sich Worte zurecht, die schon im nächsten Moment vergessen sind. Keine Klarheit. Beschämender Wirrwarr. Kraftlosigkeit.
Am Morgen kommt Stein als einer der letzten ins Büro. Er hält die aufgeschlagene Zeitung in der Hand und sieht hinein. Als er aus dem Lift steigt, bemerkt er, dass fremde Personen in den Räumen der Firma sind. Auf dem Gang hält ihn ein Mann auf und fragt ihn nach seinem Namen. Stein sagt, er sei in Eile; der junge Mann gestattet ihm mit einer Handbewegung weiterzugehen.
Im Großraumbüro winkt ihm eine Kollegin aufgeregt zu; sie treffen sich an Steins Schreibtisch, auf den sie von verschiedenen Seiten aus zugegangen sind; an ihrem Blick erkennt Stein, dass etwas passiert sein muss, er bleibt an seinem Stuhl stehen. Was ist los?
Sie macht eine Bewegung mit dem Kopf und deutet zur Tür mit dem Pferdeaquarell.
Es ist furchtbar, sagt sie. Dann versagt ihr die Stimme.
Stein sieht hinüber, als wäre dort nur irgendeine Tür.
Was ist denn, fragt er.
Die Kollegin zuckt mit den Schultern, als würde sie bereits mit den Tränen kämpfen. Es ist etwas Grauenvolles passiert, sagt sie mit flüsternder Stimme. Er fragt nach - kalt, zur Tür starrend - wann? Wo? In Wintermanns Haus. Ein Einbruch. Heute Nacht. Der Chef ist tot, seine Frau steht unter Schock.
Wintermanns Bürotür öffnet sich und drei Männer kommen nahezu gleichzeitig heraus. Als sie Stein sehen, steuern sie auf ihn zu. Stein blickt ihnen unbewegt entgegen. Das Gehörte sickert nur sehr langsam und wie verzögert in ihn ein. Während die Männer an der letzten Schreibtischnische vorbeigehen, versenkt Stein den Blick in das Pferdeposter. Er hat das erste Mal das Gefühl das Bild zu mögen.
„Finden Sie das Bild nicht schön?“ fragt er einen der Männer und deutet mit der Kinnspitze hinüber.
Der Mann, der einen kleinen Notizblock aus seiner Jacke gezogen hat, dreht verwundert den Kopf.
„Ich weiß nicht - was soll das sein?“
„Ach nichts. Ein Pferd. Ein trabender Wildfang. Es leuchtet so schön, finden Sie nicht?“
Erschienen in: DAS MAGAZIN, September 2008
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