Volker Kaminski, Berlin
 
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Volker Kaminski
MIT DER STRÖMUNG

Sie trafen sich vor dem Frühstück an der Badebucht. Victor stand auf dem Holzsteg und hatte die Hände hinter dem Rücken verschränkt. Er ließ die Au-gen langsam über die Bucht kreisen. Rechts die Umrisse einer mittelalterlichen Burg, deren Befestigungsmauern bis ans Meer reichten; links vor der Sonne ein runder Kirchturm, so hoch wie ein Leuchtturm; oben in den Hügeln ein steinernes Kastell. Das Dorf schien um neun Uhr morgens noch menschenleer. Trotzdem hatte es schon etwas Ungewöhnliches gegeben; ein mit Blumen und Kränzen geschmückter Wagen war vor die Kirche gefahren, fünfzehn Minuten lang hatte die Glocke geschlagen. Dann war das Auto im Schritttempo durchs Dorf gefahren, gefolgt von einer kleinen Trauergemeinde.
„Heute ist das Meer viel wärmer“, rief Ines vom Ufer. Sie klang fröhlich wie immer. Victor und Sonja gingen hinunter ans Wasser, wo Ines stand und sich mit einer jungen Französin unterhielt. „C’est une catastrophe“, hörte er die Frau sagen. Ein paar Kinder liefen mit Käschern und Plastikeimerchen herum. Sie sammelten Quallen ein - Feuerquallen. Die roten Quallen waren über Nacht auf den Strand zugetrieben. Victor ließ sich von Ines mit spitzem Finger die Stellen im Meer zeigen, wo sich die MEDUSES in Schwärmen herumtrieben. Die Quallen konnten ihnen den ganzen Urlaub verderben, doch Ines lachte und behandelte sie wie eine Sensation.
Es war kühl und windig, obwohl es Mitte Juli war. Bei solchen Temperaturen badete Victor nicht. Auch Sonja war noch nicht schwimmen gewesen. Das Meer musste einen schon unwiderstehlich anlocken, damit man sich unter diesen Umständen hinein getraute. Wenn er Ines beobachtete, wie sie nach fünf Schritten durch das eisige Wasser zum flachen Kopfsprung ansetzte, sich auf den Rücken drehte und winkend den Arm hob, glaubte er, dass sie die Kälte gar nicht merkte.
Jetzt konnte kein Mensch mehr baden. ATTENTION MEDUSES! las man auf Zetteln, die überall auf Kaimauern am Strand, auf Hauswänden im Ort hingen. Farbkopien in verschwommenen Blau- und Rottönen, auf denen man mit Mühe etwas Quallenförmiges erkannte. Die Abbildung erinnerte Victor eher an die vergrößerte Aufnahme eines Embryos. MEDUSES, hieß es überall auf den Straßen, MEDUSES, hörte man die Leute am Strand sagen. Victor fand, dass die Stimmen der Eltern, die nach ihren Kindern riefen, unruhiger klangen. „Clement!“ „Julien!“ „Lucard!“. In der Zeitung stieß Victor auf eine Anzeige, in der für MEDUSYL, eine Präventiv-Creme, geworben wurde; offensichtlich kannte man diesen Feind genau. In der Abenddämmerung schauten Victor und Sonja einer Frau zu, die bis zur Hüfte im Wasser mit einem Käscher nach Quallen fischte und den Inhalt ihres Plastikeimers hinterher in die Mülltonne an der Kaimauer entsorgte.
Ines ließ sich vom Schwimmen nicht abhalten. Sie zog ihre Flossen an und sprang mit Schnorchel und Taucherbrille ins Wasser. Victor und Sonja hüteten unterdessen das Handtuch. Es war wirklich etwas wärmer geworden, der Wind war abgeflaut, aber die meisten Urlauber blieben misstrauisch. Plötzlich drang ein spitzer Schrei über den Strand. Eine junge Frau, die mit ihrem Kanu vom Ufer ablegen wollte, hatte sich an einer Qualle verbrannt. Sie humpelte, von zwei Freunden gestützt, an Land. Ein älterer Mann bandagierte ihr den Ober-schenkel. Später schlich sie mit einem breiten Verband wie ein lebendes Fanal an den Leuten vorbei. Victor gelang es nicht sich wie im Urlaub zu füh-len. Er saß auf dem harten Kieselstrand und blickte stirnrunzelnd zum Himmel. Das Möwengeschrei klang merkwürdig verzerrt, eher wie Hundebellen oder Pfauen. Er betrachtete zwei fedrige weiße Wölkchen direkt vor ihm, die wie zwei übereinander gelegte Eier aussahen. Später bildeten sie ein gut sichtbares Ausrufezeichen am blauen Himmel. Victor drehte sich nach Sonja um, die entspannt auf ihrem Handtuch lag und in einem Krimi las. Er wollte gerade einen Kaffee trinken gehen, als Ines aus dem Meer getänzelt kam und ihre Haare auswrang. Sie legte ihren Kopf schräg und lächelte ihn an; er staunte über ihr rosiges, wie gereinigt aussehendes Gesicht. „Na, auch mal?“ fragte sie und streckte ihm die Taucherbrille hin. Einige Sekunden lang hörte Victor ein glucksendes Geräusch im Ohr, als schwimme er unter Wasser. Er schaute fröstelnd zum Meer. „Tolle Fische!“ versuchte sie ihn zu ködern. „Ich überleg’s mir“, sagte er.
Später saßen sie im Strandcafé und beschäftigten sich mit einem Spiel. Es ging um die Frage: „Wie findet ihr es in Collioure?“ Ines fixierte Sonja und Victor gespannt und ergänzte ihre Antworten durch positive Details. Sie hatte Collioure vorgeschlagen und jetzt wollte sie soviel Gutes wie möglich über die-sen Ort hören. Victor merkte, dass er bei diesem Spiel nur am Rande vorkam. Ines liebte ihre alte Freundin sicher umso mehr, weil sie den Ort entzückend fand, aber sie musste Victor nicht dafür verachten, weil seine Begeisterung kleiner war. Natürlich konnte man die Bucht „herrlich“, „traumhaft“, „unbe-schreiblich“ nennen, solange man sie mit halb geschlossenen Augen betrachtete; doch wenn man sah, wie sich abends das Licht änderte, das Wasser grünlich zu schimmern anfing, die alten Steinwände knochenhell hervortraten und die Felsen am Ufer sich scharfkantig abhoben, dann kam einem das Ganze unheimlich vor.
„Du musst jetzt auch mal ins Wasser“, sagte Ines am nächsten Mittag und boxte Victor in die Seite. Victor hörte wieder das glucksende Geräusch im Ohr. Die Gefahr auf eine MEDUSE zu stoßen war inzwischen kleiner geworden, die Quallen hatten sich zurückgezogen. Sogar Sonja war schon im Wasser gewesen. Sie hatte sich die hässliche Taucherbrille aufgesetzt und hatte zum ersten Mal in ihrem Leben geschnorchelt. Sie berichtete von dichten Fischschwärmen verschiedener Größe und Farbe direkt neben ihr. Ein paar MEDUSES hätte sie auch entdeckt, aber es wäre leicht gewesen ihnen auszuweichen. „Sie treiben nur so mit der Strömung dahin“, sagte sie. Das Meerwasser hatte 23 Grad erreicht, wie auf einer Tafel neben den Umkleidekabinen zu lesen war. „He, seht mal“, sagte Victor und zeigte zum Kirchturm. „Was ist denn da los? Bis gestern ging die Uhr zehn Minuten nach. Jetzt fünf Minuten vor.“ „Du passt aber auf“, sagte Ines. Sie und Sonja meinten, dass ihnen das nicht aufgefallen wäre.
Ihre Pension wurde von einer schwerhörigen älteren Dame geführt. Sie betraten ein dämmeriges Foyer und konnten dann zwischen zwei Wendeltreppen wählen, die hinaufführten. Wenn sie in ihr Zimmer gingen, war es immer ein bisschen wie bei einer Turmbesteigung. Victors und Sonjas Zimmer war geräumig, aber etwas dunkel. Eine breite Bettnische, nussbraune schwere Möbel, ein Badezimmer mit Schwingtüren, die sich nicht verschließen ließen. Große gerahmte Spiegel an den Wänden, ein Kamin mit Marmorbrüstung. Wären die Fenster zur Gasse nicht gewesen, auf der von morgens bis abends der Touristenstrom dahin floss, wäre sich Victor wie in einem Museum vorgekommen. Der mit alten dunkelroten Steinplatten geflieste Boden schimmerte nachts, als wäre er mit frischem Blut übergossen. Die verlebte Atmosphäre wurde durch die gold gerahmten Spiegel und die mächtige Stuckdecke noch verstärkt. Victor schreckte nachts aus dem Schlaf hoch, vielleicht gestört durch laute Schritte auf der Treppe. Als er sich aufsetzte, sah er eine Gestalt im Zimmer, die erst verschwand, nachdem er eine Weile ins Halbdunkel gestarrt hatte. Er warf die dünne Decke ab, stand auf und ging ans Fenster. Direkt neben dem Fenster brannte eine Straßenlampe. Als er das Fenster öffnete, sah er unten drei junge Frauen zusammenstehen; eine von ihnen machte plötzlich eine heftige, aggressiv aussehende Handbewegung, als ob sie die andere schlagen wollte. Als Victor ins Zimmer zurückging und am Spiegel vorbeikam, sah er einen fremden Mann darin. Er war sich nicht sicher, ob er den Mann schon mal gesehen hatte. Der Hintergrund war nahezu schwarz, auch das Gesicht war fast nicht zu sehen, bis auf einen hellgelben Umrissschimmer. Die Haare waren lang und ungepflegt und hingen ihm bis auf die Schulter. Victor erstarrte, griff nach der Flasche auf dem Tisch und goss sich Rotwein ins Zahnputzglas.
Sie frühstückten bei „Les Templiers“, tranken Café Creme und bissen von ihren mitgebrachten Croissants ab. Man hatte ihnen das Café schon in Deutschland empfohlen, hier waren viele berühmte Leute zu Gast gewesen. Picassos erbarmungslose kohlschwarze Augen starrten von einem Foto von der Wand. Die Wände waren voller alter Ölgemälde. Sie mochten das Ambiente, die Holzmöbel, die wie ein alter Schiffskörper geformte Theke. Aber Sonja fröstelte, weil immer Durchzug herrschte. Die Kellner in ihren schwarzen T-Shirts mit der Aufschrift „Les Templiers“ waren nicht dazu zu bewegen die hintere Tür zu schließen. Unermüdlich drehte sich der Ventilator an der Decke. Ines wischte zum Eingang herein - hallo, hallo - und wedelte mit der Zeitung. Sie setzte sich ihnen gegenüber, stützte die Ellbogen auf den Tisch und verbreitete sprudelnd die ersten Tagesnachrichten. Ein paar Gäste wurden auf ihre Zeitung aufmerksam; ein alter Mann kam an ihren Tisch, sagte pardon, und fragte, ob er die Zeitung lesen dürfe. Ines war großzügig und lieh jedem ihre Zeitung.
Es konnte sein, dass Victor den ganzen Urlaub nicht richtig wach wurde. Es war ihm, als stecke er in einem trägen, schwerfälligen Traum, in dem es laut und zugig zuging. Immer wartete er darauf, dass jemand kam und den Lärm abstellte. Zum Beispiel die Cappuccinomaschine, die nur von Ines’ Stimme übertönt wurde. Ines erzählte, dass sie hier in „Les Templiers“ schon auf den Tischen getanzt hätte. Letztes Jahr zu Silvester. Sie schien recht heimisch am Ort zu sein, doch die Barmänner kannten sie trotzdem nicht. Ines hatte ihre Handtücher mit dabei, Taucherflossen, Brille, alles steckte in einer großen ge-streiften Strandtasche. Oben drauf lag ihre Tüte mit den Croissants. Sonja und Victor hatten ihre Sachen in der Pension gelassen. „Ich werde heute zur West-seite gehen“, sagte Ines, „kommt ihr mit?“ Das wollten sie tun. Als Victor durch den lang gestreckten Raum auf die Promenade hinausschaute, sah er den Mann, den er nachts im Spiegel gesehen hatte. Seine schwarzen Haare hingen wie verklebt von seinem großen breiten Kopf herab. Überhaupt schien der Mann nur aus einem Kopf zu bestehen, es war kein Hals zu sehen, und sein Körper war kurz und unförmig. Wie ein Phantom ging er dort mit ungelenken Bewegungen hastig durch den Ausschnitt, den Victor fixierte.
Am Strand warteten sie darauf, dass die versprochene Höchsttemperatur er-reicht wurde. Es war ein wolkenloser Tag, aber die Sonne schien ihre Wärme zurückzuhalten. Um elf gab es noch keine aktuellen Temperaturangaben auf der Tafel. Es wurde kaum noch von den MEDUSES gesprochen. Die Warnhin-weise hingen zwar noch an den Mauern - etwas zerrupft vom Wind, vielleicht hatte man vergessen sie zu entfernen; doch es konnte auch sein, dass die Strandwächter besondere Vorsicht walten ließen. Ines kam nach einer Viertel-stunde aus dem Wasser zurück und sagte, sie sei von einer MEDUSE gestreift worden. Victor starrte auf ihren Unterarm, auf dem ein blass rosa aussehender Strich zu sehen war. „Ich brauche kein MEDUSYL“, sagte sie und streckte ko-kett ihre Zungenspitze heraus. Sie bedeckte die Stelle mit etwas Sand. Victor war sicher, dass sie das Brennen nicht spürte. Ihre Haut musste einen beson-deren Schutz besitzen, so dass sie auf die Herausforderungen des Meeres ganz anders reagierte als seine Haut. Vom ersten Tag an war sie ins Element eingetaucht und solange darin geschwommen, bis sie selbst zu einer Art Fisch geworden war. Wenn es das war, was man von ihm verlangte, dann wusste er, was ihn vom Meer fernhielt. Er fand das Meer immer noch zu kalt und den Ort zu überlaufen. Als Sonja wieder mit dem Schnorchel losging, begleitete Victor sie zum Wasser. Plötzlich kam ihnen Ines nach gesprungen und bestand da-rauf, dass Victor sich die Brille aufzog. Sie begann immer lauter zu sprechen, kreischte wie ein Kind, schlug sich mit der flachen Hand rhythmisch auf die Lippen und ahmte Indianergeheul nach. Victor schaute sie entgeistert an und ließ sie stehen.
Er ging am Strand entlang; es war sehr voll, trotzdem herrschte allgemein ei-ne ruhige Stimmung. Einige Franzosen kamen Victor ärmlich vor; dicke Mütter, die Zigarette rauchten, Stöpsel im Ohr hatten, CDs hörten und Sandwiches für ihre Kinder schmierten. Die Haut einer jungen mageren Frau sah krank aus. Ihre Stimme klang noch rauer als die der anderen. Bestimmt wollten diese Leu-te sowenig ins Wasser wie Victor. Für sie war der Strand nicht mehr als ein Picknickausflug, mit dem der sie ihre Kinder beschäftigten. Zu diesen Leuten, für die das Meer alltäglich war, wollte Victor auf keinen Fall zählen. Darum ging er jetzt direkt auf das Meer zu, ganz gleich, wie kalt es war. Er wich den größeren Steinen am Ufer aus, auf denen schwarze Seeigel klebten, hangelte sich von Stein zu Stein und sah, wie klar das Wasser war. Dann tauchte er langsam unter.
Unvermeidliches Abwärtsgleiten. Glasklares Wiedererkennen. Victor sah die fein aufsteigenden Luftkügelchen vor seinem Gesicht. Er konnte sich immer noch an den Augenblick damals erinnern, als er die Luft anhalten und solange wie möglich in der Brust behalten musste. Eine Stimme - seine eigene Stimme - hatte ihm gesagt, dass er tapfer sein und Geduld beweisen müsse, weil er sonst sterben werde. Damals war er vom Rand des Schwimmbeckens ins Wasser gestoßen worden. Ein Scherz. Sein Vater, der neben ihm gesessen hatte, fand, dass der kleine Victor zu ängstlich und wasserscheu war, weil er trotz Schwimmring nicht ins Wasser ging. Dieser Schwimmring, in dem Victor steckte, war ein großer schwarzer Gummireif und machte ihn wehrlos. Als er damit kopfüber im Wasser lag, fühlte er sich gefangen. Der Ring wäre ihm fast zum Verhängnis geworden. Aber Victors Rettung war ein Triumph. Da er nicht von außen zu erreichen gewesen war, hatte sein Vater schließlich ins Becken springen müssen, er hatte nicht einmal Zeit gehabt sich die guten Stoffhosen auszuziehen.
Ein Pärchen am Ort blieb meistens länger am Strand sitzen als die anderen. Ines hatte sie beobachtet und gesagt, dass die zwei im Freien schliefen, sie hätten nicht einmal ein Zelt, nur ein paar Decken. Die Frau sei fett und hätte eine durchdringende Stimme. Ines hatte sie auch auf dem Markt betteln sehen. Sonja wusste, wen Ines meinte, diese Frau war ihr auch schon aufgefallen. „Wirklich erstaunlich“, sagte Sonja. „Ich habe die beiden auf dem Bahnhof gesehen, als wir von Perpignan kamen. Die schnorren sich ihren Urlaub offensichtlich zusammen, besichtigen die Küstenorte, obwohl sie gar kein Geld haben.“ Während sie noch davon sprachen, entdeckte Sonja das Pärchen. Sie saßen hundert Meter entfernt in Wassernähe. „Hier ist es eben doch nicht so piekfein“, sagte Victor, „es gibt viele ärmere Leute.“ „Genau das macht den Reiz aus“, sagte Ines. „Ich finde es schön, dass nicht bloß Tiptop-Familien mit ihren adrett gekleideten Kindern herumgehen. Aber ist es nicht erstaunlich, dass die zwei von den Strandwächtern abends nicht vertrieben werden?“
Victor betrachtete den Mann, seinen kolossartigen Körper; er stellte sich vor, dass er ein Künstler war. Irgendwie ahnte Victor, dass die zwei ein Geheimnis hatten. Überall tauchten sie auf und konnten einem plötzlich sehr nahe kom-men. Aus ihrer Sicht war dieser Ort bestimmt ein Ort voller Spießer. Die von Steinen und Festungen umrahmte Küste besaß eine blutige Geschichte, mit schrecklichen Belagerungen, grausamen Umstürzen, Kriegen. Als Künstler konnte man einer solchen Küste sicher viel Stoff abgewinnen. Es gab auch die übliche Touristen-Kunst in vielen Läden zu sehen, Aquarell- und Ölbilder, aber das meiste davon war Kitsch. Jeder, der herkam, wollte soviel sehen wie möglich. Es war ein Ort, den man mit Augen geradezu aufsaugen wollte. Als hätte man dieser Neugierde sichtbaren Ausdruck verleihen wollen, waren rings um die Küste merkwürdige Podeste aufgestellt, auf denen leere Bilderrahmen auf Augenhöhe befestigt waren. Jeder Vorübergehende konnte durch einen der Rahmen blicken und sich sein eigenes Bild von der Küste machen. Die Touristen, die das Bild anpeilten, nahmen den Rahmen mit ins Visier und setzten so ihr Bild von der Küste in den vorhandenen Rahmen. Victor hatte noch kein einziges Mal durch einen dieser Rahmen geschaut. Als er am Spätnachmittag mit Schnorchel und Taucherbrille loszog, wartete er nicht ab, bis er Gelegenheit dazu bekam. Wie immer standen mehrere Touristen auf den Podesten. Einzelne oder ganze Familien tummelten sich dort und lugten durchs Gerahmte. Er wollte später hindurch schauen, am frü-hen Abend vielleicht, wenn sowieso alles am schönsten war.
Aber geht es denn überhaupt um Schönheit, dachte Victor. Er stand am Ufer, hatte sich vorgebeugt, um die Taucherbrille auszuspülen. Er spuckte ins Glas, verteilte den Speichel und setzte sich die Taucherbrille auf. Er biss in den Schnorchel hinein. Das Wasser war jetzt warm genug, so dass er sich voll auf das Schnorcheln konzentrieren konnte. Er wollte bis zu den Bojen hinaus-schwimmen, hinter denen die Schiffsstraße begann. Auf den ersten Blick trat die Unterwasserwelt klar vor ihn hin, ein Gewimmel von großen und kleinen Schwärmen. Die Angehörigen dieser Welt schienen nur auf ihn gewartet zu haben - hundert Fischaugenpaare richteten sich auf ihn, alles blieb ruhig, kein Fisch zuckte zurück, als Victor kam. Die Fische sahen ihn wahrscheinlich besser als er sie; das Sonnenlicht hatte nicht viel Kraft, zwei Meter unter der Oberfläche verschwand bereits alles in Graugrün. Der Ausschnitt, den Victor fixierte, gehörte vielleicht einem Dutzend Fische, die das trüb-klare Wasser nach Nahrung absuchten. Für sie war es ein normaler Tag aus einer Unendlichkeit von Tagen. Ein typischer grauer Meertag. Über ihren Steinen und Felsenbehausungen schimmerte ein dämmeriges Sonnenlicht. Es war nicht völlig dunkel, ein Zwielicht, etwa so wie in einem Tannenwald nachmittags um vier. Obwohl er von der märchenhaften Unterwelt fasziniert war, forschte Victor aufmerksam nach MEDUSES. Zwei von ihnen hatte er bereits entdeckt, sie hingen reglos an der Oberfläche wie klumpige Sterne am Meereshimmel, harmlos aussehend, bewegt von der sachten Strömung. Victor schwamm weiter.
Eine Stimme jagte plötzlich durchs Wasser. Victor tauchte tiefer ein, so dass sein Schnorchel voller Wasser lief. Er glaubte Ines’ Indianergeheul gehört zu haben und wollte nicht von den Frauen zurückgerufen werden. Seine For-schungen reichten weiter; sie richteten sich an ein fernes Ziel. Irgendetwas brach sich dort unten Bahn, etwas, das unbedingt vorhanden sein wollte. Es gluckste in seinen Ohren und jemand redete die ganze Zeit, redete von unvor-stellbaren Mühsalen, explodierenden Populationen, Millionen von Geschöpfen am Rande der bekannten Welt. Und dann sah Victor die schwar-zen Haare, eine Sekunde stockte er, der wilde schwarze Schopf kam direkt auf ihn zu geschwommen. Er wirkte überdimensional groß, fast wie eine Landschaft, von Salz zerfressen, doch kompakt und triumphierend wie eh und je. Die Haare waren lang und trieben in dicken Büscheln leicht und weich zur Seite. Victor hielt die Arme vor sich hin, obwohl er keine Schwimmzüge mehr machte und sich von der Strömung treiben ließ. Dass er jetzt so gut sehen konnte, lag an der Spiegelung des Wassers. Der Kopf redete weiter, etwas aufdringlich vielleicht, doch Victor verglich das, was er erlebte, nicht mehr mit irgendwas Vertrautem. Hier gab es viel mehr Raum als man sich vorstellen konnte. Er hatte nicht die Zeit es sich genauer anzusehen, und als man ihn weiter hinunter dirigierte, ließ er es mit zwiespältigen Gefühlen zu. Er wollte erfahren, wo die Fundamente standen und folgte dem Kopf hinunter, wo alles wie unter rauchiger Asche verborgen lag. Der Kopf vor ihm sah ziemlich zerfressen aus, und es ekelte Victor ein wenig, wie das Fleisch in Fetzen hing, aber so wurde man eben hier unten mit der Zeit. Die Stimme hatte klaren Befehlscharakter: „Komm mit“, rief sie, „ganz runter, dort unten sind deine Schätze.“ Victor konnte nicht widerstehen. Sie waren zwei Köpfe, doch so eng beieinander wie nur einer. Der Druck auf Victors Augen wurde schmerzhafter, seine Brust brannte, aber er wusste, dass es bald besser werden würde. Der Schnorchel hing ihm quer übers Gesicht, die Brille war beschlagen und er riss sie herunter und sah jetzt noch deutlicher. Er war direkt hinter dem anderen, an dessen breitem Rücken der Schnorchel und die Brille langsam abwärts glitten. In der Dunkelheit fielen ihm die sprudelnden Bläschen vor seinem Mund auf, und Victor wusste, während er an die Bläschen von damals dachte, dass es diesmal anders ausgehen würde. Während der Mann weiter schwamm, war Victor überwältigt von der schieren Unendlichkeit, die ihn um-gab, und von der ersten Sekunde an eins mit allem. Seine Lungen brannten nicht mehr, als er den ersten Wasserstrahl vorsichtig hineinließ. Er strampelte wie ein gefangener Qktopus, der mit seinen kräftigen Armen schäumende Fontänen unter Wasser zauberte. Es war der Versuch sich den Gesetzen unter Wasser anzupassen und dem unerbittlichen Auftrieb zu widerstehen. Er war noch nicht tief genug, irgendwo in der Ferne spiegelte sich immer noch Sonnenlicht, viel zu nah war er noch dieser Welt. Er war jetzt ganz allein - nein so konnte man nicht sagen. Er war eins mit allem. Das Ergebnis sämtlicher Gleichungen. Unabänderlich wahr. Mehr als wahr. Der Ozean, in den sich alles ergoss, hätte nie in ein geschlossenes Gefäß gepasst. So war es mit Vic-tor. Er war dem unendlichen Wasser gleich. Er schrie: „Ich bin eine Schleuse!“ Aber von der ersten Silbe an wurde sein Kopf starr, verhärtete trotzig, als ob sein Kopf sich dem Element noch widersetzte. Es machte Victor wütend, er wollte nicht wahrhaben, dass in ihm zwei ungleiche Gegner miteinander ran-gen, ein Gefühl, als ob sein Kopf alles sein wollte. In das Ringen hinein, womit sein Körper wie in epileptischen Bewegungen in immer größere Tiefen zu gelangen versuchte, schimmerte plötzlich etwas auf, das alles andere überdeckte. Victor hörte auf zu kämpfen und die letzten Luftbläschen stiegen auf wie die Pünktchen eines unvollendeten Satzes. Er hatte sich befreit. Er bemerkte den Meeresgrund einen halben Meter vor sich. Der Boden sah aus wie aus Gold; feiner Staub bedeckte die unebene Landschaft. Victor wusste sofort, dass er mit dieser Gegend hier unten eine Rechnung offen hatte. Er ließ sich immer weiter herunter fallen, ja er schoss mit letzter Kraft auf ein großes schwarzes Ding zu - ein Anker, an dessen Spitze sich etwas verkeilt hatte. Es war ein länglicher Gegenstand, der aussah wie eine blitzende Waffe. Diese Waffe wollte Victor unbedingt haben. „Ein Sarazenerschwert!“ schrie er begeistert und seine Stimme klang nur deshalb etwas betäubt, weil das Wasser sie verschluckte. Er zerrte an dem Schwert herum, dessen Spitze unter dem Anker eingeklemmt war, versuchte mit aller Kraft an die Waffe zu kommen und rüttelte daran, bis er sich endlich, schwächer werdend, tatsächlich das goldene Schwert ziehen sah. Er sah, wie die wunderbare alte Waffe leicht und hell um seinen Kopf wirbelte, dabei ein Zischen erzeugte, das unbeschreiblich schön klang, und merkte, wie er im nächsten Augenblick gewaltsam auseinander gerissen wurde, fast so, als wäre er an eine Hunderttausend-voltleitung gestoßen.

Victor lag an der Stelle, die sich das Künstler-Pärchen zum Campieren ausge-sucht hatte. Die Frau mit der schneidenden Stimme beugte sich über ihn und versuchte ihm Luft in die Lungen zu blasen. Als sie die feuerrote Verfärbung auf seiner Brust entdeckte, nickte sie. „MEDUSES!“ flüsterte sie. Ihr Mann zuckte die Achseln. Einige Neugierige näherten sich und der Mann forderte seine Frau mit hektischen Kopfbewegungen auf mitzukommen. Er warf einen schnellen Blick über die Bucht und machte sich mit rudernden Armen davon. Die Stimme hinter ihm verkündete schrill: „Er hat gekotzt!“ „Na dann“, murmelte der Mann und bewegte sich wie unter einer schweren Last weiter.

Erschienen in: „Spritz - Sprache im technischen Zeitalter“, 185, März 2008

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